Flucht aus KL

Flucht aus KL

Quelle: APA / EPA
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Diese Woche sind Wahlen in Malaysia. Für morgen sind Demonstrationen in KL angekündigt, die Ungutes befürchten lassen. Ähnlich wie in Bangkok, kommt es auch hier regelmäßig zu heftigen Kämpfen zwischen Demonstranten und der Polizei. Bevor wir uns im Hotel verbarrikadieren müssen, verlassen wir lieber die Stadt. Für den Abend haben wir einen Nachtbus Richtung Kota Bharu gebucht.

Schon während der Taxifahrt zum Busbahnhof erreicht unseren Fahrer ein besorgter Anruf seiner Frau, die ihm berichtet, er solle die Gegend um die Petronas Towers meiden, in der es schon zu ersten Ausschreitungen gekommen sein soll. Wir verlassen die Stadt in letzter Minute…oder bereits zu spät, wie wir später zu spüren kriegen. Straßen werden gesperrt, kein Weiterkommen mehr durch bestimmte Gebiete. Die Polizei geht auf Nummer sicher und sperrt großzügig die gesamte Stadt ab. Unser Taxi erreicht jedoch den Busbahnhof rechtzeitig, wir sind erleichtert. Noch wissen wir nicht, dass der Bus keine Chance mehr auf ein Durchkommen hat.

Der Bahnhof ist voll mit Hunderten von Wartenden…Einheimischen. Wir hatten eine mit Touristen gefüllten Bahnhofshalle erwartet. Die sind jedoch bereits alle abgereist, wie man uns mitteilt. Warum haben wir so spät von der Demo erfahren?! Dann folgt ein kontinuierliches Eintreffen von Doppeldeckerbussen, die die wartende Menge abtransportieren Von unserem Bus keine Spur. Wir nutzen die Zeit für interessante Gespräche mit Indern und Malayen. Wie gehabt, wird über Land und Leute philosophiert.

Die Halle leert sich. Die Abfahrt war für 22 Uhr geplant…um 23 Uhr werden wir langsam nervös, denn das Risiko, dass der Bus nicht durch die abgesperrten Straßen gelangt, ist hoch. Ebenso gibt es andersherum keine Chance in die Stadt zurückzukehren…eine Nacht in diesem Bahnhof…never! Christiane, eine Deutsche reist mit mir. Wir sind die einzigen Touristen hier. Beide hellblond. Die Locals schauen uns interessiert an.

Und dann das…

Ich schieße ein paar Fotos. Neben mir sitzt eine Kopftuchfrau mit 3 Kindern. Ich frage ob ich ihre Kinder fotografieren darf. Sie bejaht. Dann folgt ein Smalltalk àla Where do you come from, bevor das zunächst nette Gespräch diesen Verlauf annimmt:

„Your wife?“ (sie zeigt auf Christiane).

„No.“

„Girlfriend?“

„No.“

„Why not?“

„I met her 2 days before.“

„Will u mary?“

„No. We dont know each other, and I have a girlfriend in germany.“

„Aah, ok. Do you have german money? Can u give me!“

„No I dont have, I changed it in Ringids.“

„Give me Ringids.“

„No I can not. I need it for my travel.“

 

Nach 3maligem weiteren Nachfragen.

„You want my son?“

„WHAT???“ (Hat sie gefragt ob ich ihren Sohn kaufen will???)

„You wanna buy my son?“ (Ja sie hat!!!)

„Oh no thank u, thats so nice. But I dont want.“

„You dont like children?“ (Vorwurfsvoller Blick.)

„Oh yes I like, but not now, I am to young.“

„How old?“

„36.“ (Sie kriegt einen Lachanfall.)

 

Dann wieder ein toternstes Gesicht.

„You wanna mary me?“

(AAAAHHHRGGG, ich muss hier weg!)

„Oh thank uuuuuu, NO!“

„Why? – You wanna mary me???“

„No, no.“

Ihr Kopf ist leicht zu mir geneigt, Ihr Blick verzieht keine Miene.

Völliges Unverständnis.

„Why?“

„Dont you have a husband?“

„No. – You wanna mary me?“

„Ah, i have to go on the toilette…“ (und weg)

Dann schnorrt sich mich noch um Geld für ein Ticket an, weil sie angeblich keins habe und sonst die Nacht im Bahnhof verbringen müsse. Ich lehne ab…ich hab ein Ticket und mir geht’s nicht anders und ich bin mir sicher, eine Nacht in meiner Gesellschaft, weiß sie weit mehr zu schätzen als ein lächerliches Busticket. Ich versuche Distanz aufzubauen und laufe durch die Bahnhofshalle. Ihre Blicke verfolgen mich, egal was ich tue, wohin ich mich bewege.

Dann fragt sie nach Geld, damit Ihre Kinder die Toilette benutzen können. Ich gebe ihr mein ganzes Münzgeld, sie freut sich. Natürlich geht keines der Kinder auf Toilette. Später, als ich meinen Kopf zu ihr drehe, hält sie mir plötzlich ihr Handy vors Gesicht und drückt ab:

„Photooo“

Sie hat mich fotografiert?! Sicher will sie ihre Sippschaft auf mich hetzen, um mich zwangszuverheiraten.

Die Halle leert sich bis auf ca. 30 Personen…inzwischen warten wir seit 4 oder 5 Stunden, es ist etwa 2 Uhr nachts und wir haben die Hoffnung, in dieser Nacht den Bahnhof zu verlassen, bereits aufgegeben.

Plötzlich kommt ein Aufruf, unsere Sachen zu packen….nur kein Bus in Sicht?!?!

Man teilt uns mit, dass der Bus nicht durch die Straßensperren kommt; erklärt uns, dass wir dem Bus stadteinwärts entgegen laufen müssten. In die Stadt, in der soeben heftige Ausschreitungen stattfinden. Wir sind begeistert.

Ich packe meine 28 Kilo und wir machen uns mitten in der Nacht auf den Weg durch die halbe Stadt, vorbei an aufgeregten Straßenpolizisten, die Ströme von Autos umleiten und Straßensperren beaufsichtigen. Teilweise ist die Stadt wie ausgestorben. Irgendwann erreichen wir dann auch einen einsamen Bus am Straßenrand. Die Frau mit den 3 Kindern sehe ich nicht, aber einen jungen Mann, er hat ihren Sohn auf dem Arm und besteigt den Bus. (???) Scheint, als hätte sie ihr Geschäft für heute gemacht.

Wir betreten den Bus…Gefrierschock…12 Grad, die aircon bläst uns mitten ins Gesicht. Das 8 Std.? Aber es kommt schlimmer. Der Bus fährt los…es dauert etwa eine Minute, bevor sich mir der Magen dreht. Der Spasto fährt wie eine gesenkte Sau. Christiane wird nie übel, wie sie mir versichert.

10 Minuten später…

„Jonny? Mir ist schlecht.“ Ok, ich krame wie ein Gelähmter eine Tüte aus meinem Rucksack. Die Fahrt ist grauenhaft…eine Stunde Achterbahnfahrt später… niemand in dem Bus rührt sich. Schweißausbrüche bei 12 Grad. Mir läuft die Suppe runter. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus und lasse den Bus stoppen. Wir befinden uns mitten auf einer verlassenen Straße, ich bin fest entschlossen meinen Rucksack zu nehmen und am Straßenrand bis zum Morgen zu verharren, um dann irgendwie per Anhalter zurück nach KL zu reisen, aber keine weitere Minute mit diesem Geistesgestörten.

Er lässt mich aussteigen, mich erschlagen 30 Grad, 100% Luftfeuchte und der Geruch nach verwestem Getier.  Ich schaue mich um. Hier kann ich keinesfalls bleiben. Der Busfahrer gibt mir ein Zeichen, dass ich 5 Minuten Zeit hätte. F*** Y**

Mir bleibt nichts anderes übrig, als wieder einzusteigen, ich schaffe es nicht zurück an meinen Platz, lasse mich neben dem Fahrer auf dem Boden nieder. Er fährt los und ich fange sofort an mich literweise zu entleeren. Ständig geht der Fahrer mir auf den Sack, dass ich die Tüte aus dem Fenster schmeißen soll, omg sie stinkt? Vielleicht motiviert ihn das, seine Fahrweise zu ändern, also kralle ich mich krampfhaft an der Tüte fest. Ich halte sie tapfer 6 Stunden lang.

Irgendwie kommen wir dann tatsächlich lebendig in Kota Bharu an. Überraschung: Man hat uns das falsche Ticket verkauft, wir befinden uns in der falschen Stadt. Bedeutet, umsteigen ins Taxi und weitere 1,5 Std mit dem Taxi nach Kuala Besut. Mein Magen freut sich.

Angekommen in Kuala Besut erwarte ich ein großes Speedboot und dann…ein kleiner Holzkahn, vielleicht 5 Meter lang. Mit dem geht’s dann weiter 45 Minuten übers offene Meer Richtung Perhentian Islands…die spinnen die Malayen. Als wenn ich nicht bereits genug gelitten hätte.

Als dann jedoch morgens Bilder aus KL die Perhentians erreichen, weiß ich, dass die Fahrt das geringere Übel war. KL im Ausnahmezustand. Hunderte von Menschen werden festgenommen, die Polizei geht hart gegen die Demonstranten vor.

Quelle: APA / EPA
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Die Anfahrt auf die Perhentians…nicht schön, langwierig und anstrengend. Ich empfehle auf jeden Fall zu fliegen. Von KL nach Kota Bharu, kostet nicht die Welt und erspart die Bekanntschaft mit malayischen Plastiktüten.

 

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