Hospital des Grauens (Mui Ne)

Mein Fieber steigt wieder deutlich an. Ich muss daher den Surfkurs abbrechen. Bisher konnte ich mich mit der leichten Temperatur und den hiesigen Medikamenten gut auf den Beinen halten und war zwischenzeitlich wieder ordentlich bei Kräften. Doch nun haut mich die Krankheit mit einer derartigen Wucht um, dass ich mich nach einer üblen Nacht verzweifelt an die Betreiberin der Bungalow-Anlage wende. Ich erkläre ihr, dass ich das Fieber nicht gesenkt bekomme und mir nicht mehr zu helfen weiss. Sie reagiert sehr besorgt, als sie mich zu Gesicht bekommt und stellt mir sofort Ihren Wagen mit Chauffeur (!) zur Verfügung, der mich ins nächste Krankenhaus fahren soll.

Gesagt, getan…nach etwa 30 Minuten erreichen wir das Krankenhaus in der nächst grösseren Ortschaft. Als ich das Krankenhaus betrete, bleibt mir der ohnehin knappe Atem weg. Mitten im Eingangsbereich liegen die Kranken auf Tragen und rollbaren Liegen. Ich setze mich in einen Bereich der nach…naja…Wartezimmer aussieht. Auch dieser ist nicht abgetrennt. Die Krankenliegen sind überall verteilt, stehen auch dort zwischen den Wartenden. Einige Patienten sind verletzt, haben offene Wunden. Ich fühle mich ins Mittelalter katapultiert, die Ansteckungsgefahr ist gewaltig. Steril scheint hier nichts zu sein.

Der Hammer ist jedoch, dass der Arzt mich dann nicht in ein Behandlungszimmer holt, als ich an der Reihe bin, sondern ganz cool neben mir Platz nimmt und mich fragt, was ich denn habe?!?! Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Schwestern und Ärzte es selbst nicht fassen können, dass ich dieses Krankenhaus betrete. Alle sehen mich an.

Ich erkläre ihm alles und er nimmt mich etwas genauer unter die Lupe. Seine Aktivität hält sich jedoch in Grenzen. Sein Englisch ist nicht das Beste, was die Situation erschwert. Ich habe das Gefühl, dass er inmitten der Unmengen von Kranken und Verletzten gerade bei mir die grösste Angst hat, sich anzustecken…an irgendeiner fiesen westlichen Krankheit vielleicht. Mir ist unbehaglich. Ich erkläre ihm, dass ich vermutlich nur einen Infekt habe und etwas gegen das hohe Fieber brauche. Der Arzt berät sich mit einigen Kollegen und führt ein Telefonat.

Als er wiederkommt, stellt er mir eine Frage, die mir wie ein Amboss ins Gesicht prallt:

„Haben Sie die Möglichkeit noch heute das Land zu verlassen und nach Hause zu fliegen?“

„Ähm…WAS? Nein! No! WARUM? WHY???“

„Weil wir Sie nicht behandeln können. Wir wissen nicht genau, was Sie haben. Aber Ihr Zustand ist äußerst beunruhigend.“

S-c-h-e-i-s-s-e!!! Na was soll ich schon haben, eine Grippe, Erkältung, was weiss ich.

„Nein, das sollten Sie schon genauer untersuchen lassen. Wenn hier ein starker Tropenvirus vorliegt und Sie nicht frühzeitig Richtung Ho Chi Minh aufbrechen, könnten wir nicht garantieren, dass wir hier die nötigen Mittel haben, um Sie ausreichend zu behandeln. Schwere Krankheitsverläufe könnten Ihre inneren Organe zu sehr belasten.“ Das zumindest wollte er in bruchstückhaftem Englisch ausdrücken.

Nach einigen Diskussionen und Telefonaten finde ich heraus, dass es eine Privatklinik in Saigon gibt, mit englischsprachigen Ärzten. Ok, nichts wie hin. Sofort rufe ich Hai An und Stefan an, die sich in Saigon befinden. Ich berichte Hai An von dem Problem und er bietet an, mich als Dolmetscher zu begleiten, falls die englischsprachigen Ärzte so schlecht Englisch sprechen, wie ich es erwarte. Ich packe meinen Rucksack und sitze wie auf heissen Kohlen in meinem Bungalow und warte….
und warte…
und warte…
Draussen sind es traumhafte 30 Grad im Schatten und bestes Kite-Surf-Wetter, aber ich kann nichts weiter, als in meinem Bungalow auf den nächsten Bus zu warten und der kommt erst um 3 Uhr nachts und fährt dann die ganze Nacht durch nach Saigon. Was für eine Ohnmacht. So ein wunderschönes Fleckchen Erde. Wenn jedoch hier ein schwerer Unfall geschieht oder man schnelle und kompetente ärztliche Hilfe benötigt, ist man völlig aufgeschmissen. Ich führe in der Zeit zahllose Telefonat nach Deutschland, spreche mit diversen Ärzten und Gesundheits- und Tropeninstituten. Nach der bereits beschissenen letzten Nacht folgen nun bis 3 Uhr die mit RIESEN Abstand schlimmsten Stunden meines Lebens! Was die eigene Machtlosigkeit und die Verunsicherung des einheimischen Arztes für ein Kopfkino auslösen, ist unbeschreiblich.

Die Inhaberin der Bungalowanlage war zwar sehr verständnisvoll und hilfsbereit, musste jedoch meinen Bungalow weitervermieten, sodass ich ihn abends verlasse. Sie gibt mir eine Decke. So verbringe ich in meinem Elend die Nacht alleine auf einer Strandliege direkt am Wasser.

15 Std. später…

In der Privatklinik in Saigon werde ich zunächst darüber aufgeklärt, dass mich die Untersuchungen inkl. Medikamente mehrere Hundert Euro kosten könnte. Ich werde gefragt, ob ich das Geld habe. Anschließend werden mir gefühlte 50 Liter Blut abgenommen, um alle möglichen Untersuchungen durchzuführen.

Ergebnisse der Blutuntersuchungen, auf die man in Deutschland bis zu 2 Wochen wartet, erhält man hier gegen Bares auf wundersame Weise innerhalb weniger Stunden. Nachmittags kommt dann auch schon die Diagnose:

„Sie haben irgendwas! Keine Sorge. Wir töten es ab.“

„Das hört sich doch gut an.“ Leider kann mir tatsächlich niemand sagen, WAS los ist, einig ist man sich nur, dass man es bekämpfen muss. Die Symptome sprechen für verschiedene Arten von Viren. Und ich erhalte ein Mittel, dass jeglichen Virus in meinen Körper vernichten soll. Sicherheitshalber rufe ich in Deutschland an, um mit meinem Arzt über das Mittel zu sprechen und der sagt mit mehr als deutlich:

„Auf GAR KEINEN FALL nehmen Sie das!“

Was dann?

Die deutschen Ärzte erklären mir, dass das Medikament in Deutschland nicht zugelassen ist. Es sei zwar ungeheuer wirksam gegen die heftigsten Viruserkrankungen, töte direkt nach der Infektion sogar den HIV-Virus ab (wow, aha!), aber

„Wenn Sie nicht mit einem Leberschaden zurückkehren wollen, nehmen Sie das nicht!“

Also Tropenerkrankung oder Leberschaden?

Natürlich sei so eine Viruserkrankung auch nicht ohne und kann relativ gefährlich fürs Herz werden, blablabla. Es folgen die nächsten schwierigen Stunden, in denen ich mich entscheiden muss, FÜR oder GEGEN den Virenkiller. Da ich keine andere Möglichkeit sehe und der Aufbruch aus Mui Ne nicht für die Katz gewesen sein soll, entscheide ich mich für das Mitel und verlasse das Krankenhaus, um 400 Euro ärmer, aber umso erleichterter, nun etwas eingenommen zu haben.

Details über die Nebenwirkungen würden den Rahmen an dieser Stelle sprengen, aber es gab einige…wochenlang…es war einfach wunderschön.

Von den akuten Beschwerden jedoch konnte ich mich relativ schnell wieder erholen und so die letzte Woche mit Hai An und Stefan verbringen.

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2 comments

  1. Lina

    hey weltenbummler, hab vorhin deinen blog entdeckt und schau mich gerade ein bisschen darauf um, chronologisch von hinten beginnend. bin auch gerne auf der ganzen welt unterwegs und eben erst aus südamerika mit dengue-fieber heimgekommen. vietnam steht für die nächste zukunft auch am plan, jetzt hab ich mit erstaunen in diesem beitrag von dem anscheinenden super-viren-killer gelesen. kurze frage, sollte es dir nicht zu nahe gehen: mit welchen nebenwirkungen, abgesehen davon dass es der leber wohl stark zusetzt, darf man bei diesem tollen medikament rechnen?
    grüße aus wien, schönes neues!

    • admin

      Hi Lina,

      Übelkeit und Erbrechen
      Blutarmut
      Kopfschmerzen
      Schwächegefühl
      Mage-Darm-Probleme
      Bauchspeicheldrüsen-Entzündungen
      Leberschaden
      Nierenschaden

      das übliche halt 😉

      Aber warum willst Du das wissen?! Hast Du vor, Dir einen Virus zuzulegen?

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