Immer noch auf PhiPhis – 30 Stunden bis zum Tsunami

Immer noch auf PhiPhis – 30 Stunden bis zum Tsunami

Inzwischen sind wir knapp 2 Wochen auf den PhiPhis. Jeder Versuch an Geld zu kommen schlug fehl und wir verbringen die Tage nach Essen schnorrend in der Hippies Bar und relaxend am Strand. Wir bummeln durch die Läden und entwickeln ohne Geld plötzlich einen unwahrscheinlichen Drang alles mögliche kaufen zu wollen.

Abends während der Fire-Shows fällt es schwer, der feiernden Menge beim Trinken und Schlemmen zuzuschauen ohne selbst ein kühles Bier oder einen Cocktail in der Hand zu halten, aber wir ertragen unser Los und sind stolz es so lange durchgehalten zu haben. Die Locals sind inzwischen zu Freunden geworden und uns ans Herz gewachsen. Unsere Nervosität steigert sich von Tag zu Tag, je mehr sich unser Abflugtermin nähert. Uns graut es vor dem Gespräch mit Jack, in dem wir ihm erklären werden, dass wir es nicht geschafft haben, an Geld aus Deutschland zu kommen. Womöglich bekommt er durch uns Probleme mit dem Inhaber oder wird sogar rausgeschmissen. Unser schlechtes Gewissen plagt uns in jedem Moment, den wir an ihm vorbeigehen und grüßen. Sind wir in den ersten Tagen noch überaus motiviert eine Lösung, vor allem Kohle, irgendwoher zu beschaffen, so kehrt von Tag zu Tag eine sich steigernde thailändische Gleichgültigkeit ein und wir denken in den letzten 4 Tagen schlicht einfach nicht mehr über das Problem nach. Es ist Weihnachten und mitten am Strand vor der Hippies Bar wird ein Weihnachtsbaum bunt und kitschig geschmückt.

Am Tag X, unserem Abflugtermin, sind wir uns dann schon relativ sicher, dass wir unseren Flug umbuchen müssen, ohne einen Schimmer zu haben, woher wir dann in den nächsten Tagen Geld herbekommen sollten, wenn es auch bisher nicht geklappt hat. Auf dem Weg zum Strand treffen wir Jack und beschließen, ihm zu sagen, dass wir leider in all den Tagen keinen Erfolg hatten, das Geld zu beschaffen.

-Ok Jack, Tacheles. Wir können den Bungalow nicht bezahlen, wir können 10 Tage Frühstück nicht zahlen und wir wissen nicht, wie sich das in den nächsten Tagen überhaupt ändern soll.-
In Erwartung, dass er uns sofort rausschmeisst oder sauer wird, sitzen wir ihm gegenüber. Er schaut uns betroffen an.

-Und jetzt?- fragt er uns.

Doch wir wissen es nicht. Wir haben ein Schiffsticket nach Krabi, unser Flug geht heute ab Bangkok, wir haben nur nicht die Kohle, mit dem Taxi zum Flughafen nach Krabi zu fahren und den Flieger nach Bangkok zu zahlen. Und da es hierbei nicht um 10 oder 20 Euro geht, haben wir auch schlechte Karten, dass uns ein wildfremder anderer Reisender aus der Patsche hilft. Hinzu kommen über 500 Euro, die für die Unterkunft entstanden sind und Jack in größte Schwierigkeiten bringen könnten. Wir sind völlig ratlos. Jack sagt uns, dass unser größtes Problem ein anderes ist. Wir können nicht am Abflugtag den Flug umbuchen. Wenn wir den Flieger nicht nehmen, dann verfällt auch unser Flug nach Deutschland und wir sitzen erst recht auf der Insel fest. Und länger kann er uns nicht ohne Bezahlung in dem Bungalow wohnen lassen, das würde auffallen.

Er geht zum Telefon und führt ein Telefonat auf thailändisch. Als er wieder zurück kehrt und uns erklärt, was er veranlasst hat, bleibt uns die Spucke weg. Die Anlage gehört dem Mann seiner Schwester. Ihn hat er soeben angerufen und um einen Gehaltsvorschuss für den kommenden Monat gebeten. Er hat ihm eine Geschichte von seiner kranken Mutter aufgetischt, die Geld für eine Behandlung benötigt und wird seine Schwester bitten, mitzuspielen. 100 Euro beträgt sein Monatslohn und er bietet uns an, uns die kompletten 100 Euro zu leihen, sodass wir den Flieger nach Bangkok zahlen können.  Die Kosten für die Übernachtungen sollen wir dann schnellstmöglich mit seinen 100 Euro an ihn überweisen, sobald wir wieder daheim sind.

…wow…

wir sind sprachlos und können soviel Vertrauen in Fremde nicht fassen. Uns einen kompletten Monatslohn zu geben und das Risiko einzugehen, nächsten Monat mit nichts dazustehen rührt uns und wir fragen ihn, ob er sich sicher ist und warum er das überhaupt für uns tut.

Er antwortet: -Weil ich Euch helfen will und die Hoffnung habe, dass man mir auch hilft, wenn ich mal in eine solche Situation komme.-

Er nimmt das Geld aus der Kasse und gibt es uns. Und dann läuft uns die Zeit davon…wie die Irren hasten wir zu unserem Bungalow und schmeissen einfach alles ungefaltet in unsere Rucksäcke. Wir verabschieden uns traurig von Jack, mit dem wir in der Zwischenzeit abends das ein oder andere Bier vor dem Bungalow getrunken und versprechen gleich morgen das Geld zu überweisen. Wir rennen zum Strand und nehmen das nächste Schiff. Sicherheitshalber schmeisse ich mir eine Reisetablette ein, falls die Fahrt wieder so schaukelig wird, wie die Hinfahrt vor 2 Wochen. Und dann folgt eine 20stündige Reisetortur. In einem Stück mit dem Boot von PhiPhi Don nach Krabi, dort mit dem Taxi zum Flughafen, mit dem Flieger von Krabi nach Bangkok und von Bangkok in 13 Stunden mit dem Flieger nach Frankfurt. Hier noch mit dem Zug in 2 Stunden nach Köln und brutal erschöpft fallen wir ins Bett und schlafen sofort ein. Wir schlafen wie Tote die komplette Nacht und den halben Tag durch, bis ein Anruf meiner Mutter uns weckt:

„Hallo? Geht’s Euch gut??? WO SEID IHR?“ und sie bricht in Tränen aus.

Heute ist der 26. Dezember 2004 und über Nacht deutscher Zeit wird Phi Phi Don vom Tsunami dem Erdboden gleich gemacht.

 

 

Der Artikel hat dir gefallen?
Mehr coole Tipps direkt in dein Email-Postfach und die automatische Teilnahme an Gewinnspielen gibt's hier. Go VIP!

Weiterlesen macht klug

Leave a Reply

*

4 comments

  1. Goran

    Solche Geschichten schreibt wirklich nur das Leben!

    Kenne Phi Phi leider nur nach dem Tsunami,ich war 2006 im April das erste Mal da.
    Geplant war ein Trip dahin für den Januar 2005,was dann natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht ging.
    Ich glaube das es vor dem Tsunami eine ganz andere Insel war. Der Bauboom nach der Katastrophe hat dafür gesorgt das jeder Quadrateter freier Boden zubetoniert.wurde.
    Man findet im net immer wieder Bilder aus den 80er Jahren (Fotocommunity usw) und kann gar nicht glauben wie viele Palmen auf der schmalen Landzunge vorher da waren.

    In der Hippies bar war ich 2006 dann auch fast jeden Abend da.
    Dezember 2007 und 2008 bei meinem letzten Besuch war die Hippies bar immer noch ein beliebter Treffpunkt für jung und alt.
    Und Amir hat mi seiner ganzen Crew immer die geilen Fireshows jeden Abend um 23 h abgeliefert.
    Hab jetzt gelesen ,auf der Facebook Hippies Bar Gruppe ,das die Bar „umgezogen “ ist auf die andere Seite „Tonsai beach “ und das keiner von der alten crew mehr da ist .
    Schade ,Fand diese Seite (Loh Dalum Strand ) fürs Nachtleben viel chilliger und besser !
    Und die Hippies Crew war einfach super,tolle Entertainer!

    • admin

      jo, die andere Seite war fürn A*** und die sind dorthin umgezogen???? omg!
      damals gab es dort kaum Beton, nur Sand, die Hütten, keine Clubs und die sagenhafte Hippies Bar 🙂

  2. Lukas

    Was ist den dannach noch passiert? Geld überwiesen… oder?

    • Jonny

      Klar! Hat zwar eine Woche gedauert, bis wir ihn aufgetrieben hatten, wir dachten eigentlich er sei tot, die Handynetzte waren die ersten Tage überlastet. Er wurde nach Chang Mai evakuiert und arbeitet seitdem dort in einer Bar.

Like what you read? Be a fan!schliessen
oeffnen