Wie die Hölle im Paradies einkehrt

Wie die Hölle im Paradies einkehrt

Als wir am 26. Dezember durch den Anruf meiner Mum geweckt werden, realisieren wir zunächst nicht, was Sie uns da erzählen möchte. Wer oder was zum Teufel ist ein Tsunami? Wir schalten den Fernseher ein und sind… gelähmt. Auf allen Kanälen wird von der Katastrophe berichtet. Von 2000 Toten ist die Rede. Wir fühlen uns, als hätten wir ein ganzes Leben lang gepennt oder als seien wir in einer anderen Welt aufgewacht. Unfassbare Bilder laufen über den Bildschirm und wir können nicht fassen, dass wir vor 40 Stunden noch am Strand der Phi Phi Islands saßen. Sofort kommt uns Jack in den Sinn. Wir versuchen ihn telefonisch zu erreichen, vergeblich. Ich behalte das Handy gleich in der Hand und während wir fassungslos die Berichterstattung verfolgen, drücke ich im Minutentakt den Hörer auf meinem Handy und wähle seine Nummer. Beim Gedanken, dass er uns mit seinem Monatslohn von 100 Euro und der erfundenen Geschichte seiner kranken Mutter die Abreise ermöglicht hat, um selbst einige Stunden später in den Fluten zu ertrinken, läuft es uns eiskalt den Rücken hinunter. Wir versuchen über das Internet Informationen über PhiPhi Islands zu kriegen, keine Chance. Sri Lanka und das Festland Thailands stehen im Fokus der Berichterstattung. Und wir erreichen Jack nicht…


Es folgen Wochen, in denen von morgens bis abends der Tsunami und seine Folgen alles beherrscht. Die Anzahl der Toten wurde inzwischen auf eine viertel Million korrigiert. Phi Phi Don ist rein prozentual gesehen der Ort mit der höchsten Todesquote. Da es sich um eine relativ kleine und flache Insel handelt, auf der es kaum Fluchtmöglichkeiten gab, sind die meisten Urlauber hier umgekommen. Die Welle hat innerhalb von Minuten komplette Bungalowanlagen ins Meer gespült und die Insel von der einen zur anderen Seite überquert. Die Nummer von Jack habe ich inzwischen sicher mehrere 1000 mal gewählt….bis…ja bis es nach ca. 10 Tagen am anderen Ende klingelt. Ich traue meinen Ohren nicht. Und dann geht er ran.

„Jack?“

„Yes“

Mein Gott, ich kann es nicht fassen, 1000 Fragen gehen mir durch den Kopf und ich muss mich zusammen reißen, ihn nicht zu sehr zu überfallen. Wir sind überglücklich seine Stimme zu hören. Inzwischen befindet er sich in Chang Mai, er wurde evakuiert und arbeitet in einer Bar im Norden Thailands. Ich frage ihn nach den Hippies Bar Leuten. Einige hat er lebend gesehen, einige nicht. Er beginnt zu erzählen. Um 10.29 Uhr steigt der Wasserpegel innerhalb von Sekunden zu einem reißenden Strom an. Alle Einheimischen, die um diese Uhrzeit wach waren, versuchen sich zu retten.


„Ihr habt um diese Zeit immer noch geschlafen.“ sagt er, „Ihr wärt jetzt tot“. „Was ist aus unserem Bungalow geworden?“ „Ist ins Meer gespült worden. Das Paar, das nach Euch dort eingezogen ist, ist tot. Alle sind tot“. Wir sind tief betroffen und erinnern uns an den letzten Abend, an dem wir während der Fire-Show noch einige Skandinavier kennengelernt haben. Sie saßen neben uns im Sand und waren an diesem Tag erst angekommen. PhiPhi Island, eine Insel besonders beliebt bei Jugendlichen und jung gebliebenen und daher kein Mekka für Frühaufsteher. Hier war es nicht ungewöhnlich, dass um 10.30 Uhr morgens nur vereinzelt Urlauber am Strand lagen. Die meisten schliefen gerne bis mittags durch. Jack erzählt uns, dass daher fast alle Urlauber seiner Anlage nicht überlebt haben. Lediglich die Mitarbeiter der Hotels und Bars, die um diese Zeit bereits wach waren, hatten eine gute Chance zu überleben. Wir quatschen noch einige Minuten und legen dann überglücklich und erleichtert auf. Er lebt.

(Quelle der beiden oberen pics: Reuters)

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