My name is Wayan – Balinesische Namensgebung

Kennt ihr diese dämlichen Vorstellungsrunden auf Geschäftsseminaren oder Firmenincentives? Wo sich erwachsene Menschen im Kreis aufstellen und sich gegenseitig einen Gummiball zuwerfen, um sich mit Namen vorzustellen. Eine Vorstellungsrunde auf einem balinesischen Businessmeeting könnte ungefähr so aussehen:

My name is Wayan, I am from Bali. (schmeisst den Ball zum nächsten)

My name is auch Wayan, I am from Bali. (zum nächsten)

My name is Wayan, I am from Bali. (und weiter geht’s)

Wayan from Bali.

Wayan.

Wayan.

Wayan.

Wayan (und so weiter…)

Kurzum, wenn Du ein extrem schlechtes Erinnerungsvermögen hast, wirst Du am besten Seminarleiter auf Bali, denn dort kommt dir die Namensgebung sehr entgegen. Auf Bali heißt tatsächlich so gut wie jeder zweite Mann Wayan.

Namensgebung auf Bali – Weltweit einzigartig.

Damit ihr Euch bei Eurem ersten Baliurlaub nicht wundert, müssen wir mal ein wenig näher auf die wirklich einzigartige Namensgebung der Balinesen eingehen. Auch wenn ich die Geschichte  versucht habe, witzig einzuleiten, liegt es mir fern, mich über die Sache lustig zu machen, denn Namengebung ist hier Teil der balinesischen Kultur und hochinteressant.

Trotzdem, übel nehmen kann man es uns Westlern wohl nicht, dass uns die Art der Namensgebung zunächst etwas kurios erscheint und ins Schmunzeln bringt. Schließlich haben keine Ahnung und sind im Zweifel ignorante Touristen, die sich ohnehin nicht wirklich für die Kultur, geschweige denn für die Namensgebung, der Balinesen interessieren.

Mit diesem Artikel möchte ich ein wenig Ahnung ins Dunkle bringen, denn das ganze Namensding hat mir eine witzige und interessante (stundenlange) Diskussion mit meinen balinesischen Freunden beschert. Ich habe ingesamt bereits knapp ein Viertel Jahr während drei Besuchen auf Bali verbracht und so war es irgendwann eine Selbstverständlichkeit für mich, mich ein wenig tiefer mit diesem Teil ihrer Kultur zu befassen. Eines ist mir anschließend klar, was zunächst höchst simpel und einfallslos wirkt, ist in Wirklichkeit hochkomplex und eine Wissenschaft für sich.

Eine Freundin, Ni Made, bemüht sich, mir die Namensgebung der Balinesen, anhand des Namens meines Kumpels Wayan, mit Papier und Stift näher zu bringen…(geschnallt hab ich es zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht)…aber alles der Reihe nach!

Namensgebung die Erste: Der Erstgeborene

Zunächst einmal: Wayan kommt aus dem javanischen und stammt ab von Wayah-an „Der Älteste“. Was liegt also näher, als den Erstgeborenen Jungen in der Familie so zu benennen. Genau aus diesem Grunde heißen auffällig vielen Balinesen Wayan. Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass es noch 2 Ausweichmöglichkeiten gibt, Putu (Enkel) und Gede (der Größte). Wayan ist jedoch am meisten verbreitet.

Erstgeborener = Wayan – Putu – Gede

„Ok“, entgegne ich m Gespräch mit Ni Made und Wayan. „Soweit nichts ungewöhnliches, dieses Prinzip der Namensgebung haben wir in Deutschland auch. Heißt bei uns in aller Regel Michael!“ (mein kläglicher Versuch ironisch zu sein geht im kulturellen Austausch natürlich unter).

„Und was bedeutet das in Eurer Sprache?“ fragt Ni Made mich.

„Das ist einfach eine der häufigsten Männernamen.“

„Wie?“

„OK, Michael war vielleicht früher mal ein Beruf oder so.“ Ich bemühe mich unserer deutschen Namensgebung mehr Gewicht zu geben.

„Das muss doch eine Bedeutung haben!“ Totales Unverständnis auf balinesischer Seite.

„Deutsch ist einfach nicht so bildhaft wie Indonesisch. Wir geben Kindern einfach irgendwelche Namen, die sich gut anhören oder gerade in Mode sind“ (hat ja eh keinen Sinn).

„WAS? Warum sollte man jemandem einen Namen ohne Bedeutung geben?“

„Keine Ahnung. Wir sind halt so, wir Europäer.“ Plötzlich fühle ich mich so (Namens-)sinnlos. Wie schrecklich.

„Aber das macht doch keinen Sinn. Ihr seid komisch. Macht das für Dich Sinn? Mal ehrlich.“

„Stelle ich jetzt hier die Fragen oder Du?“

„Sag mir nur was Michael heißt!“

„Der Erstgeborene.“

„Aha.“

Das erstgeborene Mädchen

Dann erklärt Ni Made mir weiter: Erstgeborene Mädchen heißen Luh (javanisch galuh= das kleine Mädchen oder Blume), Putu oder…einfach auch Wayan.

Dabei gibt es noch einen Namenszusatz für das Geschlecht, das vor den Namen gesetzt wird, nämlich I für männlich und NI für weiblich. Plötzlich heißt der Junge dann also I Wayan und das Madel Ni Wayan (na dann ist ja alles wieder klar).

Erstgeborenes Mädchen = Ni Luh – Ni Putz – Ni Wayan

Namensgebung die Zweite – Der Zweitgeborene

Der Zweitgeborene wird in der Balinesischen Namensgebung mit Made (Der Jüngere), Negah (der Mittlere) oder Kadek (der Zweite) benannt, sowohl Junge als auch Mädchen, mit dem zusätzlichen Kürzel I oder NI – für das männliche oder weibliche Geschlecht.

Zweitgeborener = Madeh – Negah – Kadek

„Negah bedeutet der Mittlere? Was ist, wenn es gar nicht der Mittlere ist und es nur 2 Kinder gibt oder später 4?“ frage ich.

„Keine Ahnung, wir nennen ihn trotzdem „Den Mittleren“.“

Hier hilft mir Google weiter: Der Grund dafür scheint zu sein, dass in der balinesischen Kultur „planmässig“ 3 Kinder vorgesehen sind.

„Na, da haben sich aber einige Familien nicht strikt gehalten.“

„Das stimmt, wir sind zu 5.“ entgegnet Wayan. „Sag mir, wie heißt Euer Zweitgeborener in der deutschen Namensgebung?“

„Der kann bei uns jeden Namen haben. Heutzutage geht das allerdings alles ziemlich in Richtung Jaqueline, Jordan, Dustin, Chantale, usw.“

Namensgebung die Dritte: Der Drittgeborene

Das dritte Kind kann dann entweder Nyoman (der Jüngste) oder Komang (das Baby) genannt werden. Da würde ich mich ganz spontan für Nyoman entscheiden wollen. Ich stelle mir einen 120 Kilo Balinesen vor, der von jedem „Baby“ gerufen wird…also, ich weiß nicht…

Drittgeborener = Nyoman – Komang

Namensgebung die Vierte: „Das Unerwünschte Vierte“

Das vierte Kind heißt immer Ketut und bedeutet im javanesischen „mitgehen“, „folgen“ hat aber auch die Bedeutung „nicht erhofft“ oder „nicht erwünscht“, weil eben alles jenseits der planmässigen 3 Kinder meist „unplanmässig“ ist.

Auch nicht so schön…irgendwie.

Viertgeborener = Ketut

 

Und weil´s so schön war, noch einmal von vorne…

Als Wayan mir erklärt, dass das ganze „Namensgebung-Spiel“ mit dem 5. Kind von vorne beginnt, komme ich aus dem Staunen nicht heraus. Junge Nr. 5 heißt wieder Wayan, wie bereits der Erstgeborene.

Da frage ich mich und ihn doch ganz spontan:

„Wieso heißt ein Fünftgeborener „Erstgeborener“? Hat das mal jemand überprüft?!“

„Das ist nicht ganz einfach, da gebe ich Dir recht“ bestätigt Wayan, „deswegen werden die Fünftgeborenen auch Wayan „senik“ oder Wayan „alit“ gerufen, der „kleine“ Erstgeborene.“

Fünftgeborener = Wayan senik – Wayan alit

Macht ja dann doch irgendwie wieder Sinn das Ganze…nicht dass ich verwirrt wäre, ganz und gar nicht!

Also nochmal von vorne:
Der große Erstgeborene ist der wirkliche Erstgeborene, deswegen muss man ihn auch nicht großen Erstgeborenen rufen, sondern nur Erstgeborener, während der kleine Erstgeborene in Wirklichkeit der Fünftgeborene ist, aber optisch ganz klar als Fünftgeborener erkennbar ist, weil er ja viel kleiner ist und deswegen auch so genannt wird, obwohl man ihn gar nicht kleiner Erstgeborener nennen müsste, weil man ja deutlich sieht, dass er klein ist und nicht Erst- sondern Fünftgeborener, allerdings wird er dann doch kleiner Erstgeborener gerufen, weil was ist, wenn man die beiden nicht nebeneinander stehen sieht, das könnte zu Verwirrungen führen, ist doch logisch.

JETZT ALLES KLAR?

Nachnamen in der Balinesischen Namensgebung

Wenn die Geschichte nun noch in eindeutigen Nachnamen enden würde, dann wäre das Ganze wieder zu einfach. Deshalb gibt es in der balinesischen Namensgebung KEINE Nachnahmen! Stattdessen werden Namenszusätze vergeben, die zur Individualisierung beitragen sollen und im Grunde bildhafte Beschreibungen von Gegenständen sind.

 

Letzter Akt: Die neuen Namen für uns dumme Touristen

Wenn man nun offensichtlich aus dem Westen kommt und einen Balinesen nach seinem Namen fragt, werden einem seltsamerweise westliche, meist amerikanische, Namen genannt. Das sind (sich selbst vergebene) Spitznamen, die die Balinesen der Einfachheit halber angenommen haben, jeder so, wie es im gefällt. Letztendlich heißt dann doch wieder jeder zweite auf der Insel John, Jack, Michael & Co.

Nur um das abschließend klarzustellen: Nicht, weil die Balinesen zu einfallslos wären, sich selbst kreativere Namen zu vergeben. Nein, weil wir Westler einfach zu blöd sind, das ganze System zu verstehen.

 

 

 

 

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9 comments

  1. Frederic von Normann

    naja zumindest unter den Erstgeborenen Männern wird nach meinen Erfahrungen die Form „Gede“, mit Abstand am meisten benutzt. In der Anrede (direkt oder indirekt) wird zur Vereinfachung zur Erkennung des Geschlechts z.b. bei Erwachsenen Männern das Vorwort „pak“ = Vater/Herr und für die erwachsenen Frauen (Kinder haben als Vorrausetzung) das Vorwort „ibu/bu“ = Mutter/Frau davorgesetzt. Da wie oben erklärt keine Nachnamen existieren, wurde auch ich in meiner Firma auf Bali als: „Pak Freddy“ angeredet. 🙂

    • admin

      Ich dachte, Wayan ist der meist vergebene Name.

      Gut der Zusatz von Ibu, pak oder auch Saudara/Saudari ist ja eine zusätzliche Einstufung in die Hierarchie, je nach Respektsgrad und Alter, wenn ich das richtig verstehe.

      Für einen Bapak bist du eigentlich zu jung, das zeigt also nur, wie sehr Du in deiner Zeit auf Bali optisch gealtert bist und ich kann mir denken, woran das liegt ;). Jedenfalls nicht daran, dass Du Dich überarbeitet hättest!

  2. Theresa

    Das hört sich echt interessant an. 😀 Gibts ja auch in manchen deutschen Familien noch so Traditionen, dass der erstgeborene Junge den Namen der Großeltern bekommt. Bei meiner Familie auch noch, aber ich werde den Kreis durchbrechen. 😀 Und Michael bedeutet übrigends „Wer ist wie Gott?“. Weiß ich zufällig, weil mein Bruder so heißt.

    • admin

      ah, ein Gruß an alle Michaels dieser Welt!

      • Michael Nagel

        Danke. Bei mir macht der Name dann auch wirklich Sinn……Ich nämlich nicht!!!

  3. Sehr interessanter Post!
    Erinnert mich an Ägypten, wo auch jeder dritte Mohammed zu heißen scheint.
    Kommt natürlich daher, daß der Prophet auch so hieß.
    Der Name Mohammed kommt von der Wurzel H-M-D (lobpreisen), genauso wie die Namen Ahmed, Hamid und Mahmud, womit dann irgendwie sogar jeder zweite Mohammed heißt. 😀

    Meinem Vater war es übrigens wichtig, daß man an die Namen seiner Kinder kein badisches -le (Verniedlichungsform wie das hochdeutsche -chen) anhängen kann. Daher haben mein Bruder und ich norddeutsche Namen bekommen. Meiner bedeutet „mächtiger Herrscher des Volkes“ oder auf schottisch „Dolch“.

    • admin

      Der Größte, der Prophet, mächtiger Herrscher des Volkes, wow…na immerhin bin ich nicht komplett Namens(sinn)los:

      Abstammend von Dionysos,

      Griechischer Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit und der Ekstase. Na dann mal Prost 😉

  4. Pingback: Lookin for Jonny – Weltreiseblog | Lookin for Jonny

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