Armut

Armut

Was ist eigentlich Armut? Immer jeweils der Zustand, der gerade bei uns persönlich herrscht, oder? Zu dumm, dass der Mensch die Eigenschaft hat, sich immer und ewig mit denjenigen zu vergleichen, die mehr besitzen, als man selbst.

Die Fotos der Kinder habe ich auf Müllhalden und Müllverbrennungsplätzen Sihanoukvilles geschossen. Abseits der Touristenpfade. Kinder auf der Suche nach Essbarem oder allem was man noch verwerten kann. Die Kleider der Kinder stehen vor Dreck und stinken bestialisch. Sie wühlen den ganzen Tag im Müll und nach getaner Arbeit spielen sie…

…am gleichen Ort.

Am besten haben es noch die Flaschen- und Dosensammler, mit großen Säcken grasen sie die Strände ab und sammeln alles ein, was zu kriegen ist, um recyclebares Material für Cent Beträge verkaufen zu können, während die Touristen vor ihren Augen mit Kohle um sich schmeissen, als gäbe es kein Morgen mehr.

Während Kinder in Touristengegenden und an Stränden mit einstudierter Leidensmiene Geld von Touristen erbetteln, stets mit dem dreckigen Zeigefinger in den geöffneten Mund zeigend, „hungry„, fragt mich keines dieser wirklich armen Müllkids nach Geld. Sie sind viel zu beschäftigt damit, die Müllhaufen zu durchwühlen. Ihr Blick ist leer. Hier ist nichts einstudiert, leider Gottes alles echt.

Von vielen Szenen, habe ich, als ich die Touristenwege mit meinem Motorroller verlassen habe, kein Foto geschossen. Weil ich nicht stoppen wollte oder es einfach für ethisch verwerflich hielt, einem kranken oder leidenden Menschen meine 1000 $ Linse ins Gesicht zu halten, um ihn abzulichten. So beschränke ich mich hier auf einige „normale“ Fotos, die jedoch alles zum Ausdruck bringen.


Die Pics der Hütten stammen aus Phnom Penh, Sihanoukville und selbst im touristischen Siem Reap, abseits der Souvenierläden und Bars, leben die Einheimischen unter diesen Bedingungen. Auch wenn es nicht so aussieht, alle Hütten sind bewohnt! Für einige fahre ich etwas weiter in die Wohngegenden der Locals hinein. Einige sieht man auf dem Weg zum Strand. Millionen Touristen fahren jährlich hier vorbei und nehmen sie nicht einmal wahr. Ich finde den Anblick einfach nur entsetzlich…

Als ich einen Blick in eine der Hütten wage, trifft mich der Schlag. Das Bett ist nichts weiter als ein Holzgerüst, sonst ist nichts vorhanden. Eine Plane schützt vor durchsickernder Nässe der regelmässigen Tropenschauer.

Es gibt Momente auf so einer Reise, in denen man alles infrage stellt, selbst die eigene Reise und die dafür entstehenden Kosten, wenn man vor Augen geführt bekommt, wie dreckig es anderen Menschen auf der Welt geht. Andererseits bin ich dankbar dafür, wirkliche Armut gesehen zu haben und dies war mir nur möglich, in dem ich diese Reise antrat. Dabei bin ich mir darüber im Klaren, dass wir uns hier in der „softeren“ Version der Armut befinden und das Leid in Indien und Afrika die Armut Kambodschas noch gewaltig übertrifft. Ich war zuvor schon in ärmeren Regionen Vietnams, der Philippinen und Thailands unterwegs, doch in diesem Ausmaß habe ich Armut in keiner der genannten Länder wahrgenommen. Afrika und Indien? Fehlen mir noch…es lässt sich so einfach daher sagen, dass man „dies“ mal gesehen haben „muss“. Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob ich das wirklich sehen „kann“.

Was mir durch den Kopf ging und den Kloß im Hals, als ich die Fotos schoss, während mir die Kinder in die Augen schauten, werde ich niemals vergessen. Weil ich in diesem Moment nichts als Scham empfand…ich schämte und schäme mich für unsere sogenannte „zivilisierte“ Gesellschaft, mit Menschen, die nichts weiter als ihre Profilneurose, Macht und Status im Fokus haben. Ich schäme mich, diese Menschen persönlich zu kennen und ich schäme mich, selbst einer von ihnen zu sein. Ich schäme mich, im nächsten Artikel wieder über meine Reiseerlebnisse und nie enden wollenden Spaß zu schreiben, der für diese Menschen eine unfassbare Dekadenz darstellen muss und das brutale Gegenteil von Armut…unermesslicher Reichtum.

Ich habe mal einen schlauen Spruch gelesen, den ich bisher für vielsagend, wahr und vollständig hielt.

„Reisen verändert.“

 

Ich vervollständige:

„Reisen verändert nur, wenn Du mit offenem Herzen und an die richtigen Orte reist.“

Dennis Fink


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6 comments

  1. Es ist erschütternd, solche Bilder zu sehen und deinen Bericht zu lesen. Aber du triffst den Nagel auf den Kopf und findest die richtigen Worte. Die meisten Reisenden ziehen einfach an der Armut vorbei, und selbst wenn man sich versucht damit zu beschäftigen, ist die Ohnmacht doch nur zum Haareausreißen. Man weiß kaum, wie man helfen kann. Auf unseren Reisen ist uns schon viel Armut begegnet. Hungernde und kranke Kinder zu sehen, macht wahnsinnig, wütend und traurig zugleich. Wir werden versuchen, zumindest im Ansatz ein bißchen zu helfen. Es gibt ein paar Organisationen, denen wir auf unserer Reise unsere Hilfe anbieten möchten. Aber auch das, so wissen wir bereits jetzt, wird die Not der Menschen nicht nachhaltig verbessern. Und das schmerzt und beschämt zugleich.

  2. kat

    Mir erging es ähnlich und ich bin wieder zurück, und jammere schon mal wieder über dies und das herum, wobei ich mir eigentlich nach diesen prägenden Szenen gedacht hab: Mensch, in Zukunft konzentrierst dich auf das wirklich Wichtige. Danke für die Erinnerung.

  3. Toller Bericht!
    Die Armut in Indien unterscheidet sich nicht mehr stark von dem wie du es beschreibst und wie es auf den Fotos zu sehen ist. Je nachdem wo man da unterwegs ist, ist es vielleicht erstaunlich, dass das durchschnittliche Niveau der sogenannten „Slums“ deutlich höher ist als das was man auf deinen Fotos sieht. Die Zeltslums schauen genauso aus, doch die bereits befestigten Wellblechhütten haben normale Betten und eine mittlerweile schon zum „Mindestlebensstandard“gehörenden Fernseher.

  4. Judith

    Das Problem ist doch: Jeder in der westlichen Zivilisation weiß davon und sieht die Bilder, aber selbst etwas dagegen unternehmen? Keine Zeit, kein Geld.
    Selbst 5 EUR können ein Kind in der 3. Welt einen Monat überleben lassen.
    Ich habe ein Patenkind in Afrika, das ich finanziell unterstütze und der Junge schreibt mir total liebe Briefe und ist so dankbar. Immer wenn ich davon auf der Arbeit oder Freunden erzähle sagen alle: Wow, das ist ja echt klasse. Aber ich wette keiner von ihnen zwackt sich einen kleinen Betrag im Monat ab und überweist ihn an Hilfsorganisationen. Ich meine, uns macht das doch nichts aus. Ein Kino Besuch weniger, oder eine Zigarettenschachtel weniger im Monat.
    Wenn wir unsere Einstellung nicht verändern, wird sich nichts in der Welt verändern.

    • Bibi

      wow judith genauso sehe ich das auch! wir haben auch patenkinder, denen wir eine ausbildung, essen und ein zu hause ermöglichen. und wenn wir auf reisen sind, wollen wir, egal wo uns der wind hinweht, helfen und geben was wir können! aber auch zwischen unserem westlich geprägten konsum und der armut in anderen ländern gibt es eine verbindung: weniger fleisch aus massentierhaltung bzw. ganz allgemein WENIGER fleisch (rinder in europa werden mit soja aus dritteweltländern genährt, damit bleibt für einheimische wenig bis kein eigenes anbauland oder es wird ihnen weggenommen), hochwertigere klamotten und nicht der schlecht bis ganz schlecht produziere schei** von diversen kaufhausketten (kinderarbeit, ätzende farben, ausbeute etc.), mehr kauf von fairtradeprodukten, holzmöbel NICHT aus dem regenwald, mitgefühl, respekt und demut vor unserer umwelt und den darin existierenden lebewesen…und und und! auf seeehr lange sicht kann etwas geändert werden aber man sollte dabei immer bei sich selbst anfangen!

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